Monatsarchive: Januar 2012

Die fünf Fehler des Ansgar Heveling

"Ich werde mir ein sicheres Passwort zulegen. Jawohl!" und "Ich trete aus." auf der Homepage des AbgeordnetenEs war ein beachtlicher Shitstorm, der heute Mittag auf Twitter über den „CDU-Hinterbänkler“ Ansgar Heveling hereinbrach und im Defacement seines Internetauftritts (Bild bei Stecki auf Facebook geklaut; angeblich waren die Zugangsdaten sein Vor- und Nachname) mündete. Hintergrund war ein Gastkommentar im Handelsblatt, der sich unter einem Haufen Kriegsrhetorik irgendwie für SOPA und gegen das Netz als solches aussprach. Doch so berechtigt die Kritik an seinem Artikel war – warum, werde ich noch ausführen – so sehr werden ihn die Reaktionen in seinen Überzeugungen bestärken, dass die Menschen auf Twitter ihre „zweite Pubertät […] durchleben“, vermutlich gefolgt von der üblichen Platitüde, dass das Internet kein rechtfreier Raum sein darf.

Hevelings Text ist eine Kriegserklärung auch an weite Teile der eigenen Partei und der AK Netzpolitik der CDU mit allen, die sich ihm zugehörig fühlen, tut gut daran, die Kriegserklärung anzunehmen und innerparteilich umso offensiver für eine vernünftige Netzpolitik zu kämpfen. Fürs erste möchte ich Hevelings absurde Kriegsrhetorik jedoch nicht aufgreifen, sondern versuchen, mich dem Thema sachlich zu nähern, indem ich drei zentrale inhaltliche und zwei strategische Fehler thematisiere. Weniger für Heveling (der vermutlich jede Reaktion auf seine Äußerungen als Erfolg wertet) und weniger für uns Netzaktive (die netzpolitischen Unfug als solchen erkennen, wenn sie ihn sehen), sondern für „neutrale“ Beobachter, die sich noch nicht sicher sind, wer in diesem Konflikt wirklich „die Guten“ sind.

1. Netzaktive sind auch nur Menschen

Während die „digital natives“ den realen Menschen zum Dinosaurier erklären, vergessen sie dabei, dass es sich bei dieser Lebensform um die große Mehrheit der Menschen handelt.

Bereits im ersten Absatz seines Kommentars betreibt Heveling eine Entmenschlichung des vermeintlichen Gegners, bei der es schwer fällt, die Contenance zu bewahren: Er stellt die digital natives den „realen Menschen“ gegenüber, als wären die Menschen, die mit digitalen Technologien aufgewachsen sind, „irreale Menschen“ (was immer das sein soll – Menschen zweiter Klasse?). Der „reale Mensch“ werde angeblich „zum Dinosaurier“ erklärt – ich wüsste nicht wo und durch wen das geschehen sein soll (und selbst wenn das so wäre, würde niemand für sich in Anspruch nehmen können, für alle „digital natives“ zu sprechen), vermutlich entspringt das einfach Hevelings Phantasie.

Was ist tatsächlich der Fall? Es gibt Menschen – ich zähle mich dazu – die überzeugt sind, dass die Digitalisierung und die neuen Partizipationsmöglichkeiten, die heute möglich sind (wie etwa dieser Blog) den Menschen insgesamt mehr Vor- als Nachteile bieten. Sobald ich mein Referendariat beendet habe, veröffentliche ich auch gerne meine Examensarbeit zu diesem Thema :) Manche von uns missionieren gerne (etwa, wenn die Junge Union Esslingen a. N. mithilft, dass unsere Senioren Union auf Facebook ist und wir PC-Nachhilfe für unsere Senioren anbieten), in erster Linie geht es uns aber darum, die neuen Möglichkeiten selbst nutzen zu können. Deswegen haben wir etwa darauf hingewiesen, welche negativen Folgen Gesetzesvorhaben wie die Vorratsdatenspeicherung auf die Demokratie haben können. Das ist eine übliche politische Auseinandersetzung, in der man sicherlich auch anderer Meinung sein kann (wobei ich es nicht vermag, Hevelings Position mit meinem christlichen Menschenbild in Einklang zu bringen). Es ist aber für „unsere“ Seite (es ärgert mich, dass ich mich von Heveling in diese „wir gegen die“-Rhetorik zwingen lasse; so möchte ich zumindest darauf hinweisen, dass ich mit „die“ im Gegensatz zu Hevelings Ansicht nicht alle Nicht-Netzaktiven, sondern nur den einen oder anderen Innen- und Rechtspolitiker unserer Fraktion meine) nicht notwendig, hier mit Kriegsvokabular („mediale Schlachtordnung“, „Endkampf“, „digitales Blut […] vergossen“) anzukommen. Wir wollen niemanden zu seinem Glück zwingen, wir wollen nur umgekehrt nicht, dass uns jemand die Errungenschaften, die wir zu schätzen gelernt haben, streitig macht.

2. Das Web 2.0 ist bereits Geschichte – und wird doch bleiben

Und das Web 2.0 wird bald Geschichte sein.

Das Web 2.0 ist ein Schlagwort vergangener Jahre, das noch nie richtig zugetroffen hat (da es sich um keine schlagartige Entwicklung zu etwas Neuem handelt – „Mitmachen“ war auch schon in den Online-Foren der späten Neunziger möglich) und mittlerweile dabei ist, in dem Stadium anzukommen, in dem es nur noch von Politikern verwendet wird (genauer gesagt, von der Sorte Politiker, die auch heute noch von „Cyberspace“ und „Datenautobahn“ redet). Insofern ist es Geschichte.

Und doch wird es bleiben: So wie die Keilschrift Geschichte ist (aber die Schrift geblieben), so wie die Druckpresse ausstirbt (aber der Offsetdruck lebt), so wie die Zahl der Festnetzanschlüsse zurückgeht (aber dafür die Zahl der Mobiltelefone steigt) werden auch die zentralen Errungenschaften, die einst unter dem Schlagwort „Web 2.0″ zusammengefasst werden, nicht mehr weggehen: Nämlich, dass es für jeden einfach und quasi kostenfrei möglich ist, Inhalte zu veröffentlichen und sich damit in einer breiten Öffentlichkeit am demokratischen Diskurs zu beteiligen (als vertiefende Lektüre dazu empfehle ich nach wie vor Chris Andersons „The Long Tail“).

Allerdings scheint Heveling unter der Bezeichnung „Web 2.0″ ohnehin irgend etwas vollkommen anderes (wörtlich ein „imaginäres Lebensgefühl einer verlorenen Generation“ – wer den Satz versteht, möge ihn mir erklären – sinngemäß irgendwas mit Raubkopien) zu verstehen.

3. Das Urheberrecht ist veraltet, nicht die Idee geistigen Eigentums

Diese Idee des geistigen Eigentums sollte sich als Motor für Innovation und Entwicklung auf dem europäischen Kontinent erweisen.

Diesen Satz würde ich sofort unterschreiben – und trotzdem sind die Implikationen, die Heveling damit verbindet, falsch. Grundsätzlich bietet der Schutz des geistigen Eigentums durch Patente und durch das Urheberrecht einen Anreiz zur Innovation, da man nicht damit rechnen muss, dass ein Dritter die Idee übernimmt und damit Geld verdient.

Gleichzeitig können Patente Innovationen verhindern – etwa, wenn grundlegende Techniken patentiert werden (Stichwort: Softwarepatente / Trivialpatente). Solche Trivialpatente, die Innovation wirksam unterbinden (da es unmöglich ist, Software zu entwickeln, die nicht gegen sie verstößt) mögen theoretisch rechtlich nicht zulässig sein – praktisch genießen aber die Firmen, die sich eine große Rechtsabteilung leisten können, dadurch einen Vorteil vor kleinen und mittleren Unternehmen.

Im künstlerischen Bereich gilt ähnliches beim Thema Remix: Die Möglichkeiten, sich von bestehenden Werken inspirieren zu lassen und daraus etwas neues zu schaffen, sind in Deutschland heute sehr eng begrenzt. Auch dewegen setze ich mich gemeinsam mit anderen Mitgliedern von CDU und CSU für ein Faires Urheberrecht ein, das dem „Fair-Use-Prinzip“ entspricht – also die Schranken des Urheberrechts so klar definiert, dass die Menschen wissen, welche Rechte sie haben und damit einfacher als bisher auf verfügbaren Werken etwas eigenständiges aufbauen können, ohne rechtliche Konsequenzen fürchten zu müssen.

Auf Urheberrecht in Wissenschaft und im Privaten (Stichwort: Privatkopie) kann ich hier nicht eingehen, das werde ich bei Gelegenheit nachholen. Worauf es mir ankommt: Die Annahme von Heveling, „die“ (die anderen, die Bösen, die „digital natives“) wollten das geistige Eigentum abschaffen, ist schlicht und ergreifend falsch. Wir erkennen nur einen dringenden Reformbedarf, da das Urheberrecht heute nicht mehr der Lebenswirklichkeit der Menschen entspricht.

Dazu, dass Heveling dann mit seinem ganzen Sermon auch noch SOPA verteidigen will, kann ich in Bezug auf den Artikel kaum etwas sagen – denn zu SOPA und den Problemen, die das Vorhaben mit sich bringt, sagt er faktisch nichts. Daher auch von mir nur soviel: Auch wenn man das Urheberrecht in seiner bisherigen Form befürwortet, gehört schon eine Menge an Naivität Vertrauen in die Rechteinhaber dazu, die umfassenden Rechte, die diese durch SOPA bekommen sollen, zu befürworten.

4. Any publicity is good publicity? Das war einmal.

Auch wenn Heveling vielleicht keinen detaillierten Einblick in SOPA hat: Als Mitglied der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft des Deutschen Bundestags, das er – aus welchen Gründen auch immer – ist, sind seine Äußerungen mit Dummheit nicht hinreichend erklärbar. Wir müssen davon ausgehen, dass er durchaus wusste, was er schrieb – und damit vor allem ein Ziel erreichen wollte: Aufmerksamkeit für sich als „CDU-Hinterbänkler“. Die Zeit, in der man im Wahlkreis stolz mit seinem Handelsblatt-Artikel winken und damit unwidersprochen reüssieren konnte, ist allerdings vorbei: Der eben verlinkte SPON-Artikel zeigt wieder einmal, dass Journalisten heute (zum Glück) ein anderes Bild von Twitter haben und entsprechend auch in klassischen Medien kritisch über solche Artikel berichtet wird. Hoffen wir, dass das auch der ein- oder andere Mensch in dem Wahlkreis, der ihn im Laufe des Jahres wieder nominieren soll, mitbekommt…

5. Das Internet ist kein Nischenthema mehr

Damit kommen wir zum strategischen Fehler Nummer 2: Der Glaube, man müsse nur die Ängste der nicht-internetaffinen Bevölkerung ansprechen, um wiedergewählt zu werden, ist langsam ähnlich anachronistisch wie der Rest von Hevelings Text. Die Internetnutzung nimmt nach wie vor in allen Altersgruppen zu – und zwar bis hin zu Diensten wie Facebook. Mag es in diesem Jahr noch leichte taktische Vorteile haben, sich hier „konservativ“ zu positionieren, so wird sich das hoffentlich bald ändern – und dann dürfen die Unionsparteien nicht auf den falschen Zug aufgesprungen sein.

Fazit

Hoffen wir also für die CDU, dass es den „Netzaktiven“ doch gelingt, auch im Diskurs über die Ausrichtung unserer Partei die Oberhand zu bekommen. Netzpolitik ist nämlich definitiv zu wichtig, um sie den Urheberrechtshardlinern und unseren Innen- und Rechtspolitikern zu überlassen. Und hoffen wir vor allem, dass es uns gelingt, die innerparteiliche Debatte als Debatte zu führen – und nicht als Schlammschlacht, wie es Heveling offenbar gerne hätte (und worauf, wie Flo Braun bemerkt, leider zu viele einsteigen).

Update: Henrik Bröckelmann zieht einen interessanten Vergleich zu den Grünen von 1987…

Update 2: Und Henrik sagt im Interview beim WDR viel richtiges zum Thema. Lesebefehl!

Update 3: Christian Wohlrabe diskutiert auf Facebook mit Günter Krings, welcher den Ausführungen von Heveling natürlich zustimmt…

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Rezepte: Mein Burger vs. „Mein Burger“

Screenshot des "Schwaben-Mac" von www.mcdondalds.deHeute wird wieder einmal ein Burger gebastelt:

Nachdem mein „Schwaben-Mac“ bei der McDonald’s-Aktion „Mein Burger“ leider wieder einmal chancenlos ist (ihr dürft natürlich trotzdem gerne noch abstimmen ;-)), habe ich mich dazu entschlossen, das Ding selbst nachzubauen – natürlich an der einen oder anderen Stelle mit etwas besseren Zutaten.

Screenshot von www.mcdonalds.de mit der "Bastelanleitung"Herzstück des Burgers ist ein paniertes Hähnchenfleisch und ein panierter Camembert. Für den Eigenbau habe ich mich natürlich gegen Formfleisch entschieden – um genau zu sein, auch gegen Hähnchenfleisch, da ich im Kühlregal auf Putenschnitzel stieß, die bereits in der passenden Größe waren – der Metzger hatte leider schon zu und Hähnchenfleisch gab es gerade nur in rund doppelt so großen Packungen. Der Camembert ist die 125-Gramm-Variante. Kein besonderer; zum Panieren tat es für mich auch die REWE-Eigenmarke.

Zwei Putenschnitzel, gewaschen und übereinandergelegt Camembert, in zwei Scheiben geschnitten

Für die Panade kann man pro Burger ein Ei rechnen. Also zwei Eier in die Schüssel, Semmelbrösel daneben und erst die beiden Camembert-Scheiben und dann das Fleisch jeweils in Ei, Semmelbröseln, nochmals Ei und nochmals Semmelbröseln gewendet – und ab damit in die Pfanne:

Zwei Scheiben panierter Camembert in der Pfanne Zwei panierte Putenschnitzel (bereits gewendet) in der Pfanne, im Hintergrund: Panierter Camembert in der Pfanne

Währenddessen werden die Laugenweckle vorbereitet: Auf die untere Hälfte kommen zwei Scheiben Schwarzwälder Schinken, auf die obere eine Mischung aus Ketchup und Barbecue-Sauce (als Ersatz für die „rauchige Tomatensauce“, die ich im Mc-Konfigurator angegeben hatte) und Gewürzgurkenstreifen. Fleisch und Camembert drauf – und fertig ist der Burger!

Aufgeschnittene und mit Schwarzwälder Schinken, Ketchup, Barbecue-Sauce und Gewürzgurken belegte Laugenbrötchen Dieselben Brötchen, belegt mit panierten Putzenschnitzeln und paniertem Camembert

Zum Abschluss nochmals die Gesamtansicht und der Querschnitt des Burgers (der Käse ist etwas dünner geworden, da sich beim Braten doch ein Teil aus der Panade verabschiedet hat und dann irgendwie dazu reingestopft wurde…):

Laugenbrötchen, belegt mit Schwarzwälder Schinken, paniertem Putenschnitzel, paniertem Camembert, Gewürzgurken und Ketchup / Barbecue-Sauce Laugenbrötchen, belegt mit Schwarzwälder Schinken, paniertem Putenschnitzel, paniertem Camembert, Gewürzgurken und Ketchup / Barbecue-Sauce (Querschnitt)

Insgesamt sehr lecker; Achtung: Verliert am Anfang etwas Flüssigkeit, vermutlich vom paniertem Camembert! Und jetzt viel Spaß beim Nachbauen :-)

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Wann stirbt Bild?

Nach der Anregung von @mahrko und der Bitte von @sixtus nach einem Sterbezeitpunkt habe ich das Bild-Sterben geschwind grafisch umgesetzt :) Danach ist die Bild spätestens im Laufe des Jahres 2029 tot.

Auflagenzahlen vom BILDblog abgeschaut; lineare Extrapolation der Auflagenentwicklung zwischen 2001 und 2011.

Auflagenentwicklung von "Bild" und "Bild am Sonntag" mit Prognose

Creative Commons Lizenzvertrag

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Meinung machen mit Meinungsforschung

Gegen Ende meines letzten Artikels, der sich damit beschäftigte, wie wenig „Online-Umfragen“ mit echter Meinungsforschung zu tun haben, schrieb ich:

Ist das schlimm? In diesem Fall vermutlich weniger […]. Sobald damit jedoch Meinung gemacht wird und die Grenzen zwischen Unfug und Journalismus verschwimmen, wird es gefährlich.

Ich muss leider darauf zurückkommen, da ich vor einigen Tagen auf ein Beispiel gestoßen wurde, wo eben versucht wurde, auf diese Art und Weise Meinung zu machen.

Auf der Internetseite des Focus wurden die Ergebnisse einer Online-Umfrage zur Frage, ob Christian Wulff als Bundespräsident zurücktreten sollte, veröffentlicht. Der Artikel ist so kurz wie er falsch ist – oder wenigstens falsche Implikationen enthält.

Was unstrittig ist: Die Umfrageergebnisse

Der erste Absatz nach dem Vorspann (auf die Überschrift werde ich noch zurückkommen) stellt die Ergebnisse knapp und soweit korrekt dar: Es wird der Fragewortlaut genannt („Soll Bundespräsident Christian Wulff wegen der Kredit-Affäre zurücktreten?“) und das Ergebnis präsentiert: 75,3 % stimmten mit „Ja“, der Rest (24,7 %) war dagegen. Aus der Formulierung „haben wir unsere User gefragt“ kann man immerhin vermuten, dass es sich um eine Online-Umfrage handelt. Vermutlich (wobei ich das nicht weiß, da ich die Umfrage nicht gesehen habe) eine von der Sorte, die man mit einem einfachen Klick auf eine Antwort zu einer einzelnen Frage beantworten kann. Die Grundgesamtheit (also die Menge der Menschen, die überhaupt eine Chance hatten, befragt zu werden und auf die sich die Ergebnisse somit beziehen sollen) wird mit „FOCUS-Online-Leser“ angegeben.

So weit, so klar. Aber: Welche Aussagekraft haben diese Zahlen tatsächlich – und welche Probleme gibt es mit ihnen?

Problem 1: Technische Unzulänglichkeiten

Zunächst kann nie ausgeschlossen werden, dass Menschen mehrfach an der Umfrage teilnehmen. Das wird zwar mit Sicherheit durch technische Maßnahmen (Cookies, evtl. Speicherung der IP-Adresse) erschwert. Diese lassen sich jedoch mehr oder weniger einfach umgehen. Mein Browser löscht etwa alle Cookies, soweit ich es nicht explizit anders angegeben habe, automatisch beim Schließen. Werden Mehrfachabstimmungen nur auf diese Weise verhindert, muss der Browser eben ein paar Mal neu gestartet werden – ich kann jedes Mal von Neuem abstimmen. Bei IP-Sperren ist dann auch eine Neueinwahl beim Provider erforderlich – auch hier wird der Abstimmende nicht eindeutig wiedererkannt (zumal man sich hier neue Probleme einhandelt, wenn sich mehrere Menschen eine IP-Adresse teilen). Hinzu kommt, dass natürlich auch das Abstimmen mit mehreren Rechnern oder Smartphones möglich ist.

Problem 2: Nicht jeder Mensch hat eine Meinung

Auch das Gegenteil sollte man nicht vergessen: Menschen, die gar nicht abstimmen. Es fällt auf, dass die Zahl der Ja- und Nein-Prozente zusammen genau 100 % ergibt. Das ist in der seriösen Umfrageforschung quasi kaum zu erreichen, bei Online-Umfragen aber Usus: Wer mit „weiß nicht“ geantwortet hätte oder die Frage nicht beantworten wollte, wird nicht erfasst. Die Prozentzahlen geben daher nicht den Anteil an allen Befragten an, sondern den Anteil an denen, die die Frage auch beantwortet haben. Wenn aber allein fünf Prozent der Deutschen den Bundespräsidenten nicht kennen (im Artikel unten auf „Grafik zum Text“ klicken) und es ja noch viele andere Gründe gibt, eine Frage für sich nicht entscheiden zu wollen, ist es zumindest plausibel anzunehmen, dass nicht jeder, der die Frage gelesen hat, sie für sich auch beantworten konnte. Damit sind die 75,3 %, die im Ergebnis stehen, sicherlich zu hoch gegriffen. Ein Vergleich zu den Nutzerzahlen wird nicht gezogen.

Der eigentliche Knackpunkt: Die Repräsentativität

Aber, mag man einwenden, es haben sich doch genügend Menschen beteiligt:

Wie sehr das Thema die User beschäftigt, zeigt die enorm hohe Beteiligung. Es wurden mehr als 18 000 Stimmen abgegeben.

Und so wurde ich auch auf Twitter gefragt:

sind denn Umfragen wie von Die Welt mit nur 1027 Befragten repräsentativer?

Als Sozialwissenschaftler ist man immer etwas erstaunt über diese Frage, denn die Antwort lautet natürlich: Ja – wenn die Befragten durch eine angemessene Auswahlmethode bestimmt wurden, was bei einer Online-Umfrage grundsätzlich nicht der Fall ist. Wem das Wissen darüber fehlt, wie Repräsentativität zustande kommt, der kann aber tatsächlich glauben, die 18000 Stimmen wären „repräsentativ“ für die genannte Grundgesamtheit. Und der Focus gibt sich auch keine Mühe, diesen Eindruck zu widerlegen.

Wie aber erreicht man Repräsentativität? Dazu müssen wir uns ein wenig tiefer in die Niederungen der empirischen Sozialforschung begeben.

Die Menschen, über die wir eine Aussage treffen möchten, bezeichnen wir als die Grundgesamtheit. Dabei handelt es sich z.B. um die Gesamtheit der wahlberechtigten Deutschen oder auch die Gesamtheit der FOCUS-Online-Leser.

Davon zu unterscheiden ist die Gruppe der Menschen, die tatsächlich eine Chance haben, an der Umfrage teilzunehmen. Diese bezeichnet man als Auswahlgesamtheit. Bei einer Telefonumfrage ist das z.B. die Zahl der wahlberechtigten Deutschen, die einen Festnetzanschluss haben. In diesem Fall handelt es sich um eine Teilmenge der Grundgesamtheit, die relativ groß ist, aber eben nicht alle Menschen abdeckt. Wenn besonders junge Menschen häufig keinen Festnetzanschluss mehr haben, bedeutet das, dass diese Altersgruppe in der Umfrage unterrepräsentiert ist. Das Problem besteht (weniger stark) auch bei Online-Umfragen, wenn man etwa Nutzer mit deaktiviertem JavaScript oder Nutzer von bestimmten Mobilgeräten aus technischen Gründen unbeabsichtigt von der Umfrage ausschließt, ist aber durchaus auch in der seriösen Umfrageforschung nicht zu vermeiden. Man kann dort nur versuchen, die Abweichung durch geschickte Wahl der Befragungsmethode zu minimieren.

Der Knackpunkt ist aber der: Wie werden aus meiner Auswahlgesamtheit diejenigen ausgewählt, die tatsächlich befragt werden? Als stark vereinfachtes Beispiel wähle ich eine Auswahlgesamtheit von 100 Menschen, von denen 70 für eine Sache sind (etwa, dass Wulff im Amt bleibt), 26 dagegen und 4 keine Meinung haben oder die Frage nicht beantworten möchten (das entspricht dem prozentualen Ergebnis der repräsentativen Umfrage der ARD zu unserem Thema). Diese sind in der Grafik durch 100 weiße Punkte dargestellt

Möchte ich ein repräsentatives Ergebnis erhalten, so benötige ich eine Zufallsauswahl. Das bedeutet: Jeder, der sich in der Auswahlgesamtheit befindet, hat möglichst exakt dieselbe Chance, auch tatsächlich Befragter zu werden. Bei Telefonumfragen nähert man sich diesem Ziel an, indem man

  • zufällige Nummern aus dem Telefonbuch auswählt
  • die letzte Ziffer zufällig ändert, um auch diejenigen abzudecken, die nicht im Telefonbuch stehen
  • Nummern nicht nur einmal anruft, sondern so lange, bis man den Befragten erreicht, damit nicht diejenigen, die länger arbeiten, eine geringere Wahrscheinlichkeit haben, befragt zu werden
  • zufällig ein Haushaltsmitglied auswählt (etwa das volljährige Mitglied des Haushalts, welches zuletzt Geburtstag hatte), damit nicht derjenige im Haushalt, der am Häufigsten zu Hause ist, eine höhere Chance hat, befragt zu werden
  • usw.

Damit kann man lange nicht alle Probleme lösen, man kann aber viele systematische Fehler ausschließen. In unserem Beispiel habe ich durch Zufallsauswahl von 20 Befragten etwa 14 getroffen, die für den Verbleib Wulffs im Amt sind, fünf Gegner und einen der keine Meinung zu dem Thema hat. Das ergäbe ein Verhältnis von 70 % zu 25 % zu 5 % und wäre somit verhältnismäßig nahe an der Verteilung in der Auswahlgesamtheit. Bei so kleinen Zahlen dürften die Abweichungen in der Realität höher liegen; tatsächlich genügen aber rund 1000 zufällig Befragte um verhältnismäßig zuverlässige Aussagen über alle Deutschen (bei einer maximalen Abweichung von vielleicht drei oder vier Prozentpunkten) treffen zu können.

Was dagegen bei Online-Umfragen stattfindet, ist eine willkürliche Auswahl: Es kann jeder mitmachen, der mitmachen möchte. Man kann Freunde oder Bekannte auf die Umfrage aufmerksam machen, man kann den Link bei Twitter und Facebook einstellen und zum Mitmachen aufrufen usw. usf. Auf diese Weise bildet sich in politischen Umfragen nicht mehr unbedingt ab, was die Mehrheit der Nutzer denkt, sondern welche Seite ihre Anhänger besser mobilisieren konnte (so kamen im Bundestagswahlkampf 2009 auch bei manchen Umfragen Ergebnisse von 80 % und mehr für die Piratenpartei zustande). Wer gut vernetzt ist oder auf Twitter aktiv nach Hashtags sucht, wird also eher auf die Umfrage aufmerksam und hat damit eine deutlich höhere Chance, auch befragt zu werden.

In unserem kleinen Beispiel wären die Gegner nun deutlich besser vernetzt und/oder hätten eine höhere Motivation, tatsächlich abzustimmen (etwa aus ihrer Position als „Angreifer“ oder weil sie sich ihrer Sache sicherer sind). Sie verbreiten den Link zur Abstimmung weiter (natürlich vornehmlich an Gleichgesinnte), rufen zur Abstimmung auf – und schon zeigt das Ergebnis das Gegenteil dessen, was die Mehrheit denkt. Nämlich in unserem Beispiel 25 % für die eigentliche Mehrheit und 75 % für die eigentliche Minderheit…

Journalisten sollten darüber aufklären

Dieses Problem haben alle Online-Umfragen, auch wenn ihre Fragestellung (im Gegensatz zum Tübinger-Wochenblatt-Beispiel von letztem Mal) methodisch nicht zu beanstanden ist. Diese bringen häufig trotzdem ganz plausible Ergebnisse hervor – wenn eben eine Frage nicht besonders dazu motiviert, andere Leute zur Teilnahme aufzurufen. Auch dann haben wir keinerlei Repräsentativität und können die Abweichung der Antworten der Befragten von denen der Grundgesamtheit nicht mathematisch berechnen, die willkürliche Auswahl führt aber nicht zu all zu großen Verzerrungen. Sobald aber eine Frage – etwa, weil sie von aktueller politischer Brisanz ist – zum Beeinflussen der Umfrage motiviert, sind die Ergebnisse faktisch wertlos. Und da wir nicht feststellen können, wann dies der Fall war, können wir festhalten: Auf die Ergebnisse von Online-Umfragen (wenigstens bei solchen Ein-Klick-Schnellumfragen, bei denen nicht einmal eine Quotenauswahl möglich ist) sollten wir grundsätzlich nichts geben.

Übrigens: Gerade wenn ungewöhnlich viele Menschen an so einer Umfrage teilnehmen, ist dies damit (auch wenn dies zunächst konterintuitiv erscheint) ein deutliches Indiz dafür, dass ihre Aussagekraft in Zweifel zu ziehen ist.

Die Überschrift des Artikels, „FOCUS-Online-User wünschen Rücktritt Wulffs“ ist mithin auch irreführend: Sicherlich gibt es FOCUS-Online-User, die den Rücktritt Wulffs wünschen (so verstanden wäre die Aussage allerdings trivial); ob es die Mehrheit ist, wissen wir nicht und können wir durch eine solche Online-Umfrage auch nicht herausfinden.

Aufgabe der Journalisten sollte es sein, über diese Unzulänglichkeiten der eigenen Methoden aufzuklären. Wenn dies nicht geschieht, sondern im Gegenteil bewusst eine Interpretation aus den wertlosen Zahlen gezogen wird, hat dies nichts mit Meinungsforschung zu tun, sondern ist reine Meinungsmache. Oder, wie ich es nach Lektüre des FOCUS-Online-Artikels etwas polemisch ausdrückte:

Es gibt sicherlich viele sympathischere Menschen als #Wulff, aber bei einem bin ich mir sicher: Die meisten Journalisten gehören nicht dazu.

Nachtrag: Wie es richtig geht, zeigt tagesschau.de: Die Umfrage ist keineswegs aussagekräftiger, es gibt aber die Antwortmöglichkeit „Weiß nicht. / Ist mir egal.“ mit aktuell immerhin 2,4 % und den Hinweis darauf, dass es sich nicht um eine repräsentative Umfrage handelt. Eine Interpretation der Ergebnisse, die Repräsentativität implizieren würde, findet nicht statt. Und unter dem Teilnahmeformular sowie dem Ergebnis findet sich folgender Hinweis „in eigener Sache“:

Liebe User,

wir freuen uns über Ihre rege Beteiligung an unseren Umfragen!

Weniger erfreut nehmen wir zur Kenntnis, dass viele unserer Umfragen von Interessengruppen zum Anlass genommen wurden und werden, ihre jeweiligen Mitglieder zur massenhaften Teilnahme aufzurufen.

Wenn Ihnen derlei bekannt wird, schicken Sie uns doch einfach eine E-Mail an redaktion@tagesschau.de. Das hilft uns dabei, unsere Umfrageergebnisse besser einzuordnen.

Herzlichst
tagesschau.de

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