Social Networking wird erwachsen: Die ersten Stunden mit Google+

Seit gestern früh darf ich dank der Einladung von Frederic auch auf dem neuen Social-Network-Spielplatz mitspielen: Bei Google+.

Man mag es nun schon vermessen finden, wenn ein Konkurrent – selbst wenn er Google heißt – meint, neu in einen Markt einsteigen zu müssen, der sich in den letzten Jahren mehr und mehr zum Quasi-Monopolisten Facebook hinentwickelt hat. Oder, anders ausgedrückt:

Google-Plus-Eintrag von Christian Heller (plomlompom): "Also ich glaub ja, mit diesem Dienst hat Google eine echte Chance, MySpace das Fürchten zu lehren."

(Quelle)

Auf den ersten Blick könnte man Google+ tatsächlich für einen Facebook-Klon halten, der „Gefällt mir“ durch „+1″ ersetzt und ein bisschen weniger blau gefärbt ist. So einfach ist es jedoch nicht.

Microblogging mit Kommentaren

Google+ zu eigen sind nicht nur die groß beworbenen Circles, Hangouts und Sparks. Es unterscheidet sich in einem (hier stimme ich Mario Sixtus zu) ganz zentralen Punkt von Facebook: Der Asymmetrie der Beziehungen. Man muss also nicht gegenseitig „befreundet“ sein, um die Beiträge von jemandem in seinem Stream zu sehen, sondern kann – ähnlich wie bei Twitter – jemandem folgen (im G+-Slang: Jemanden zu seinen „Kreisen“ hinzufügen), derjenige wird darüber benachrichtigt und kann dann selbst entscheiden, ob er seinerseits zurückfolgen will.

Screenshot: Facebook-Profil von Hannes GriepentrogDamit verbindet Google+ die Vorteile eines sozialen Netzwerks mit dem Microblogging, wie wir es von Twitter kennen. So habe ich beispielsweise den eben erwähnten Mario Sixtus „eingezirkelt“, weil ich mich für seine Meinungen interessiere (weswegen ich ihm auch bei Twitter folge und seinen Blog lese) ohne dass zwischen uns eine hinreichende Beziehung für eine Facebook-Freundschaft bestünde oder ich erwarten würde, dass er mir bei Twitter oder Google+ „zurückfolgt“. Somit eignet sich Google+ deutlich besser, wenn man nicht nur Belanglosigkeiten unter Bekannten austauschen, sondern Meinungen verbreiten und Diskussionen führen möchte. In Facebook bekommt man solche asymmetrischen Beziehungen nur auf dem Umweg über „Seiten“ (hat dann aber wieder das Problem, entscheiden zu müssen, welchen Inhalt man als Person und welchen als Seite teilt).

(Einschub: Symptomatisch für die gewollte Belanglosigkeit der Facebook-Kommunikation ist ja bereits die Frage „Was machst du gerade?“ im Eingabefeld für Statusupdates. Twitter macht hier mit „Was gibt’s neues?“ schon eher deutlich, dass der Austausch von Information erwartet wird. Bei Google+ heißt es bisher trocken „Einen neuen Beitrag erstellen“.)

Im Vergleich zu Twitter besteht dagegen der Vorteil, dass die 140-Zeichen-Grenze – die eine ernsthafte inhaltliche Auseinandersetzung nicht gerade erleichtert – entfällt und dass durch die Form „Status plus Kommentare“ (statt der dezentralen Option mit Tweet und verteilten Replies) Diskussionen auch für Dritte gut nachvollziehbar bleiben. Dagegen ist es bei Twitter – trotz Verbesserungen in den letzten Monaten – nach wie vor schwer, Diskussionsstränge auch nur annähernd zusammenzubekommen, wenn man nicht allen beteiligten Personen folgt.

Google+ hat also allein dadurch das Potenzial, im „ernsthafteren“ Bereich, in dem es nicht nur um den persönlichen Plausch, sondern um das Vertreten von Positionen und das Verbreiten von Meinungen geht, stärker Fuß zu fassen. Eben ein echtes Microblogging, das zentral auf einer Plattform abläuft, aber im Gegensatz zu Twitter auch Kommentare und Diskussionen erlaubt. Zumindest bisher wird der Aspekt der Seriosität auch durch das Fehlen von Spielen und „lustigen“ Apps unterstützt – hoffen wir, dass das noch ein bisschen so bleibt ;)

Circles

Screenshot: Übersicht "Kreise" bei Google+Was ist jetzt aber, wenn ich gar nicht möchte, dass jeder liest, was ich schreibe? Auch dafür ist Google+ hervorragend geeignet. Es unterstützt einerseits die Option, Beiträge bewusst als „öffentlich“ zu deklarieren und allen Interessierten zugänglich zu machen. Andererseits kann ich selbst niemandem folgen, ohne ihn in einen „Circle“ oder „Kreis“ einzuordnen. Diese entsprechen den Listen bei Facebook, welche dort aber eher ein Nischendasein führen (was wohl auch so bleiben wird, obwohl die Funktion bereits von den Facebook-Entwicklern geklaut über die Facebook-API implementiert wurde).

So entscheide ich bei Google+ ganz bewusst, wann ich etwas möglichst vielen Menschen schreiben will (so wie es ja auch bei Twitter der Standard ist), wann „meinen Kreisen“ (also den Menschen, denen ich folge – da sie es faktisch nur lesen, wenn sie mir zurückfolgen, entspricht das ungefähr der symmetrischen Struktur der Facebook-Freundschaften) oder eben nur bestimmten Kreisen (etwa dem Stammtisch, aber nicht den Arbeitskollegen). Das ist zwar bei Facebook über Listen auch möglich, aber nicht unbedingt übersichtlich.

Zudem werden die Kreise, in die man jemanden sortiert hat, auch direkt im Profil groß angezeigt. Da ich mich häufiger frage, woher ich jemanden genau kenne (mir aber die Listen bei der Zuordnung helfen würden) ist das für mich ein weiterer entscheidender Vorteil gegenüber Facebook.

Hangouts, Sparks & Co.

Die weiteren Funktionen habe ich bisher noch nicht vertieft benutzt. Bei Sparks handelt es sich um eine Art News- und Blogsuche zu bestimmten Themengebieten, bei Hangouts um einen Videochat für mehrere Personen. Und Huddle ist wohl auch irgend so ein Chat-Ding, das mit Android zusammenhängt.

Was noch fehlt

Screenshot: Ausschnitt von Google+ zur Auswahl eines Kreises für den StreamWas ich noch sehr vermisse, sind so etwas wie „Meta-Kreise“, also Kreise von Kreisen. Ich brauche einerseits die feinkörnigen kleinen „Kreise“, um Leute einordnen zu können und auch um beispielsweise auf einen Blick zu sehen, wie gerade die Stimmung unter den SPD-Anhängern ist, denen ich folge (der Anteil der verfolgten / befreundeten Parteiaktivisten ist bei mir in allen sozialen Netzwerken relativ hoch, daher habe ich auch entsprechende Listen angelegt). Andererseits wäre es geschickt, wenn ich sowohl für meine Stream als auch für die Empfänger mit einem Klick mehrere bestimmte Kreise auf einmal auswählen könnte, die mich besonders interessieren oder zu denen ich besonders häufig kommunizieren möchte.

Das zweite, was bisher noch kein großes Problem ist, aber mit zunehmender Nutzerzahl interessant werden wird, ist die Übersichtlichkeit im  Stream allgemein. Wenn ich nachmittags nach Hause komme und mich an den PC setze, überfliege ich bisher zuerst die „Hauptmeldungen“ bei Facebook, bevor ich mich den „Neuesten Meldungen“ zuwende. So habe ich schonmal die am häufigsten geteilten Zeitungsartikel und die wichtigsten Neuerungen in meinem Bekanntenkreis erfahren, bevor ich mich (je nach zur Verfügung stehender Zeit) mehr oder weniger intensiv dem Echtzeit-Stream zuwende. Das fehlt mir auch bei Twitter sehr. Listen / Kreise schaffen ein wenig Abhilfe, das Problem hat Facebook bisher aber besser gelöst.

Andere Meinungen

Ich habe mich auf einige wenige, für mich wichtige Aspekte von Google+ beschränkt. Daher ein paar Empfehlungen zum Weiterlesen:

schließlich ist bisher noch kein großes Social Network gestartet, das darauf hoffen konnte, über ein anderes Social Network von User zu User weiterempfohlen zu werden.

In diesem Sinne, wie gestern auch schon einer meiner Schüler sagte:

Facebook ist doch so 2010!

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6 Antworten auf Social Networking wird erwachsen: Die ersten Stunden mit Google+

  1. Henning sagt:

    Ich meine, bei Twitter stand anfangs auch immer „What are you doing?“. In der englischen Version steht jetzt allerdings „What’s happening?“. Das gibt schon eine Tendenz vor. Die Änderung war mir bisher gar nicht aufgefallen.

    Übrigens sind es 140 Zeichen bei Twitter und nicht 160 (wie du oben schreibst). Der Rest wird für den Usernamen reserviert.

    Aber schöner Artikel! :-)

  2. Fabi sagt:

    Danke für den Einblick. Wollte es selbst austesten, hatte schon eine Einladung doch dann kam die Meldung dass ich unter 18 bin und in der Beta-Phase nur Volljährige teilnehmen dürfen. Auf irgendeiner Seite die mit Google zusammenhängt hab ich wohl mein Alter angegeben :(

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