Medienkompetenz und Vorurteile

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie leichtgläubig Menschen sind, solange nur ihre eigenen Vorurteile bestätigt werden. Gestern war wieder so ein Fall: Auf Google+ lese ich bei Kristian Köhntopp, die CDU Baden-Württemberg habe auf ihrer Facebook-Seite folgendes geschrieben:

„Behinderte, die nur einen geringen Teil unserer Wähler ausmachen, sind für uns als Gruppe weniger relevant als der Fortschritt von führenden Wirtschaftsunternehmen.“

Dass der CDU regelmäßig unterstellt wird, „die Interessen der Wirtschaft vor die der Menschen zu stellen“ (dass ich zwischen Menschen und Wirtschaft bzw. zwischen Arbeit und Kapital keinen so scharfen Gegensatz sehe, ist wohl ein Grund, warum ich in dem Verein Mitglied bin :-)), war mir ja bekannt. Trotzdem muss man kein CDU-Mitglied sein, um bei diesem Zitat Zweifel daran zu haben, dass es wirklich authentisch ist.

Was macht man in so einem Fall? Nun, da gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens die, für die ich mich entschieden habe:

  • Ich suche zunächst einmal mit der Facebook-Suche nach CDU-BW und finde zwei identisch aussehende Fanseiten (einmal mit über 3000 Fans, einmal mit einem Fan). Ich stelle Vermutungen darüber an, von wem der beiden der inkriminierte Kommentar wohl stammen könnte ;-)
  • Ich gehe auf die Facebook-Seite der CDU-BW.
  • Da standardmäßig nur die Statusupdates der CDU selbst angezeigt werden, wechsele ich (über den Link oberhalb der Pinnwand) auf die Ansicht „Neueste Beiträge“.
  • An (zu diesem Zeitpunkt) zweiter Stelle befindet sich der entsprechende Eintrag von Julia Probst inklusive dem betreffenden Kommentar.
  • Bewegt man den Mauszeiger über das „CDU-BW“ neben dem Eintrag erscheint der Hinweis „Einer Person gefällt das“; ein Klick darauf führt nicht zurück zur Seite der CDU-BW, sondern eben zu der oben angesprochenen zweiten Seite.
  • Der Fall ist klar: Jemand hat eine neue Fanpage mit dem Namen und dem Profilbild der CDU Baden-Württemberg angelegt und unter diesem Namen bei der echten CDU kommentiert. Auf den ersten Blick (oder auf Screenshots) ist das nicht von einem echten Kommentar der CDU zu unterscheiden – nimmt man sich fünf Minuten, um der Sache nachzugehen, ist es aber auch nicht wirklich schwierig, dahinter zu kommen, was hier nicht stimmt.
  • Ich habe dann noch die Seite als Spam gemeldet und über eine interne Facebook-Gruppe andere CDU-Mitglieder gebeten, dasselbe zu tun. Über diesen Hinweis ist auch der Internetreferent des CDU-Landesverbandes, Uwe Wiedmann, auf den Fake-Account aufmerksam geworden, hat in den entsprechenden Threads kommentiert (was ich parallel dazu teilweise auch schon gemacht hatte) und den Fake-Account wohl ebenfalls gemeldet; wenige Minuten später war dieser jedenfalls – inklusive aller seiner Kommentare – verschwunden.

Wie gesagt, das ist Möglichkeit eins. Möglichkeit zwei: Man klickt einfach auf „Teilen“. Schließlich geht es gegen die CDU, der ist ja alles zuzutrauen und die besitzt bestimmt so wenig Verstand und ohnehin so wenig Medienkompetenz, dass sie so einen Unfug nicht nur vertritt, sondern auch noch öffentlich bei Facebook reinschreibt. Oder? Variante zwei haben jedenfalls, wie man am Originalpost auf Google+ sieht, immerhin 50 Leute gewählt (teilweise über Re-Shares, die werden m. W. am Originalpost alle als Shares angezeigt). Während ich auf Facebook am Recherchieren war, wurde bei Kristian Köhntopp in den Kommentaren nicht nur ein Screenshot herumgereicht, sondern auch der Fake bereits von einem anderen Kommentator als solcher entlarvt. Ich habe dann mal entsprechende Kommentare an den Originalpost und alle öffentlichen Shares gehängt, damit die Unterstellungen nicht noch weitere Kreise ziehen.

Besondere Ironie: Unter denen 50 Nutzern, die offenbar auf den Fake hereingefallen sind, war auch Mario Sixtus. Ja, genau der Mario Sixtus, der sich vor kurzem in einer durchaus sehenswerten Folge des „Elektrischen Reporters“ das Thema „Medienkompetenz“ vornahm. Dabei wurde in der zweiten Hälfte des Videos in der Rubrik Uebermorgen.tv auch darüber spekuliert, ob die Struktur des „sozialen“ Internets irgendwann dazu führen wird, dass man nur noch Informationen erhält, die dem eigenen Weltbild entsprechen, und diese deswegen zunehmend unkritisch übernimmt.

Nun, offenbar ist es schon heute mit der Medienkompetenz vieler Menschen nicht so weit her, wenn es darum geht, die eigenen Vorurteile bestätigt zu bekommen. Aber immerhin ist der geteilte Beitrag auf Sixtus‘ Google-Plus-Profil inzwischen transparent korrigiert nicht mehr aufzufinden (Disclaimer: Ich habe den Thread bei Sixtus nie gesehen und kann daher nicht ausschließen, dass er einfach nicht öffentlich gepostet wurde und für bestimmte Kreise weiterhin vorhanden ist – sollte das so sein, nehme ich meine Kritik in puncto Transparenz gerne zurück).

Fazit: Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass mich das unreflektierte Weiterverbreiten in diesem Fall wundert (nachdem letztens auf Twitter zahlreiche User den angeblichen Wahlkampfspot der CDU Berlin – der typische Politphrasen mit klassischen Rechtsaußen-Sprüchen und einem Zerrbild liberaler Wirtschaftspolitik vermischte – für echt hielten, wundert mich in der Hinsicht exakt gar nichts mehr). Aber ich finde es doch immer wieder erschreckend, welches Bild von Politik im Allgemeinen und der CDU im Besonderen einige Menschen haben müssen, dass bei ihnen nicht einmal bei so offensichtlichen Fakes die Alarmglocken schrillen. Oder wie egal ihnen die Wahrheit ist, solange es nur gegen den Lieblingsgegner geht.

Was lernen wir also daraus? Medienkompetenz ist nicht nur eine Sache des Könnens, sondern auch eine des Wollens. Und sie ist gerade in sozialen Netzwerken (wo sich auch haltlose Gerüchte in Windeseile verbreiten lassen) und eben auch dann, wenn eine Geschichte der eigenen Sicht der Dinge entspricht, dringend notwendig.

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3 Antworten auf Medienkompetenz und Vorurteile

  1. Daniel S. Lee sagt:

    Dabei wurde in der zweiten Hälfte des Videos in der Rubrik Uebermorgen.tv auch darüber spekuliert, ob die Struktur des „sozialen“ Internets irgendwann dazu führen wird, dass man nur noch Informationen erhält, die dem eigenen Weltbild entsprechen, und diese deswegen zunehmend unkritisch übernimmt.

    Ich denke, allein die Masse an Informationen zwingt uns zum Selektieren. Und ich befürchte, wir selektieren dann schon automatisch nach Aspekten die uns persönlich und subjektiv wichtig sind.
    Thomas Pfeiffer hat das auf der Re:publica 2011 meiner Meinung wunderbar mit dem Bild der Echokammern beschrieben:
    http://re-publica.de/11/blog/panel/wenn-linke-linke-verlinken/

    Danach sind wir meistens mit Leuten verbunden, die unsere Ansichten teilen oder ähnliche haben. Dadurch versorgen wir uns automatisch selbst mit Informationen, die unser Weltbild verstärken, statt in Frage zu stellen.
    Der Vorteil von sozialen Netzen im Internet ist allerdings, dass diese Echokammern durchlässiger sind als im Offline-Leben und so (im Nachhinein) aufklärende Berichte eher Gehör finden (können).

  2. simon sagt:

    Daniel S, ich wiederspreche da doch gewaltig … gestern ist z.b. in facebook soweit zurück, dass es faktisch nichtmehr existent ist. falsches stellt sich aber meist erst hinterher als solches heraus. wo es kein gestern mehr gibt, gibte es auch kein hinterher und somit auch kein korrektiv mehr. und was in der presse mit einer gegendarstellung noch einklagbar war ist es im brummen des sozial-network-betriebs einfach nicht mehr und bleibt so in den meisten fällen unwiedersprochen stehen.

    • Hannes Griepentrog sagt:

      Unwidersprochen nicht einmal unbedingt – aber die Wahrscheinlichkeit, dass man eine Gegendarstellung (selbst wenn es sie gibt) weiter „teilt“, ist einfach geringer als die Wahrscheinlichkeit, dass man das ursprüngliche Gerücht geteilt hat. Nicht zuletzt, weil man damit ja zugeben müsste, dass man auf eine Falschmeldung hereingefallen ist. Stattdessen wird lieber unauffällig gelöscht und alle, die die Information schon gelesen hatten, bleiben in ihrem Glauben.

      In einem Fall wie diesem käme ja noch dazu, dass man dem politischen Gegner Recht geben müsste – womit wir wieder bei der Frage des „Wollens“ wären. Und vermutlich ist bei vielen der Gedanke, wenn sie auf einen solchen Fehler hingewiesen werden, nicht unbedingt „Mist, da bin ich ja auf einen offensichtlichen Fake reingefallen“ sondern eher „Diesmal waren sie es vielleicht nicht selber. Aber zuzutrauen wäre es ihnen trotzdem!“.

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