StZ, StN und S21

Dass die Stuttgarter Zeitung (StZ) dem Projekt Stuttgart 21 etwas kritischer gegenübersteht als ihr Schwesterblatt, die Stuttgarter Nachrichten (StN), ist zumindest keine ganz neue Vermutung. Nicht falsch verstehen: Keines von beiden ist ein richtiges Propagandablatt, welches sich auf die eine oder andere Seite stellen würde. Aber manchmal sieht man eine etwas unterschiedliche Ausrichtung auch schon in kleinen Details.

Zum Beispiel aktuell, wenn StZ und StN von der Besetzung der Baustelle mit fast wortgleichen Artikeln berichten. Genau genommen finden sich drei Unterschiede.

Nummer 1:

Stuttgarter Zeitung Stuttgarter Nachrichten
Stuttgart – Mehrere hundert Stuttgart-21-Gegner haben nach der traditionellen Montagsdemonstration gegen das Bahnprojekt eine Baustelle gestürmt und dabei acht Polizisten leicht verletzt. Stuttgart – Mehrere hundert Stuttgart-21-Gegner haben nach der traditionellen „Montagsdemonstration“ gegen das Bahnprojekt eine Baustelle gestürmt und dabei acht Polizisten leicht verletzt.

Der Wortlaut ist derselbe. Nur übernimmt die StZ den Begriff „Montagsdemonstration“ unkritisch, während ihn die StN in Anführungszeichen setzt. Meines Erachtens zu Recht, da es schon sehr fragwürdig ist, für die Proteste gegen den Bahnhofsumbau den Begriff der Montagsdemonstrationen 1989/1990 in der DDR zu übernehmen. Einerseits, weil es doch etwas mehr Mut erforderte, in der DDR für seine Bürgerrechte einzustehen als in Stuttgart gegen einen Bahnhof zu sein. Andererseits, weil der Subtext, nach dem es auch hier um die Beseitigung einer Diktatur ginge, arg weit an der Realität vorbeigeht.

Der zweite Unterschied ist ähnlich subtil:

Stuttgarter Zeitung Stuttgarter Nachrichten
Der Sprecher für das Projekt, Wolfgang Dietrich, sagte: […] Der CDU-Fraktionschef Peter Hauk betonte: […] Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) müsse seine abwartende Haltung aufgeben und die Demonstranten zur Friedfertigkeit aufrufen. Auch Dietrich forderte Maßnahmen zur Deeskalation. […] „Man kann nicht einerseits der Bahn Verstöße gegen den Geist der Schlichtung vorwerfen, andererseits aber zu friedlichen Demonstrationen aufrufen – das ist ein Widerspruch in sich.“

 

Dagegen sprachen die „Parkschützer“, eine Gruppe von Aktivisten, von „gelöster Feierabendstimmung“, […]

Der Sprecher für das Projekt, Wolfgang Dietrich, sagte: […] Der CDU-Fraktionschef Peter Hauk betonte: […] Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) müsse seine abwartende Haltung aufgeben und die Demonstranten zur Friedfertigkeit aufrufen.

 

Auch Dietrich forderte Maßnahmen zur Deeskalation […] „Man kann nicht einerseits der Bahn Verstöße gegen den Geist der Schlichtung vorwerfen, andererseits aber zu friedlichen Demonstrationen aufrufen – das ist ein Widerspruch in sich.“ Dagegen sprachen die „Parkschützer“, eine Gruppe von Aktivisten, von „gelöster Feierabendstimmung“, […]

Die Wörter und sogar die Satzzeichen sind dieselben. Aber: Bei den Stuttgarter Nachrichten beginnen beide Absätze mit einer Aussage von Projektsprecher Wolfgang Dietrich, bei der Stuttgarter Zeitung bekommen die Parkschützer für ihre Aussage einen eigenen Absatz. Beiden Zeitungen ist keine einseitige Darstellung vorzuwerfen. Beim schnellen Überfliegen des Artikels ist es jedoch bei der StN deutlich wahrscheinlicher, dass man die Sichtweise der „Parkschützer“ überliest. CDU-Fraktionschef Peter Hauk steht bei beiden quasi unter „Ferner liefen“ und bekommt keinen eigenen Absatz spendiert.

Dafür bekommen – und das ist zu dem Zeitpunkt, als ich diesen Eintrag schreibe, der letzte Unterschied – die Polizisten, die bei dem Einsatz verletzt wurden, bei der Stuttgarter Zeitung einen Platz in der Überschrift – hier die Links zu den Artikeln:

Man sieht: Man kann seine Sympathien auch subtil zu erkennen geben. Bleibt die Frage, ob die Leser von solchen feinen Unterschieden bereits in ihrer Meinung beeinflusst werden…

Update: Inzwischen (am nächsten Morgen) haben offenbar die Redaktionen von StZ und StN ihre Artikel jeweils selbst erweitert und überarbeitet, sodass die Zahl der Unterschiede deutlich gewachsen ist. Bei aktuellen Ereignissen ist es bei beiden Zeitungen leider üblich, Artikel regelmäßig umzuschreiben, ohne die URL zu ändern oder Zwischenstände zu archivieren.

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2 Antworten auf StZ, StN und S21

  1. Als ich aus Ärger über die Berichterstattung der Herren Nauke und Braun in der StZ mein Abo gekündigt habe, habe ich aus der StZ einen sehr interessanten Anruf erhalten. In diesem Anruf wurde mir bestätigt, daß wegen der ursprünglich positiven Haltung der StZ zu S21 so viele Abos gekündigt wurden, daß man sich darauf geeinigt hat die StN für S21 und die StZ gegen S21 zu positionieren. Auf die Idee einer ausgewogenen neutralen Berichterstattung ist offensichtlich keiner gekommen…

    • Hannes Griepentrog sagt:

      Meinem Eindruck hat sich ja die StZ eine Zeit lang tatsächlich an einer neutralen Berichterstattung versucht. Mit dem Erfolg, dass ihnen von Befürwortern und von Gegnern die Abos gekündigt wurden…

      Wenn man überlegt, dass im Winter/Frühjahr sogar schon Stuttgart-21-Gegner vor dem SWR (!) demonstriert haben – der zu dem Zeitpunkt definitiv S-21-kritischer war als die StZ – weil ihnen die Berichterstattung zu einseitig war, kann man sich schon vorstellen, dass die Situation für die Zeitungsverlage nicht ganz einfach ist. Deswegen habe ich mein StZ-Abo auch noch – bei der S21-Berichterstattung verlasse ich mich dafür auf http://www.stuttgarter-nachrichten.de ;)

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